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 Obstipation und Laxantien - Verstopfung und Abführmittel

Derartige Fragen und erst recht ihre Beantwortung sind nicht neu. Um im Apothekenalltag allen "Örtchen-Problemen" gewachsen zu sein, faßt dieser Beitrag die wichtigsten Aspekte zu Obstipation und Laxantien in zehn Blöcken zusammen.

Ist es sinnvoll, die Obstipation über die Stuhlfrequenz zu definieren? 

Laut Umfragen kämpfen etwa 30 Prozent der Bevölkerung mit Verstopfung. Aber nur ein Viertel von ihnen hat eine niedrige Stuhlfrequenz. Für die meisten scheint heftiges Pressen die Hauptbeschwerde zu sein. Verschiedene Experten sprechen sich deshalb dafür aus, dieses Kriterium der Stuhlfrequenz vorzuziehen, wenn es um die Definition von Obstipation geht. Die Literatur bezeichnet die Stuhlhäufigkeit dagegen dann als »normal«, wenn sie zwischen dreimal pro Woche bis dreimal pro Tag variiert. In die Beschreibung »starkes Pressen« gehen jedoch auch das Stuhlgewicht, das Stuhlwassergewicht und die gastrointestinale Transitzeit mit ein. Entsprächen diese der Norm, wäre kein starkes Pressen notwendig.

Die regelmäßige Darmentleerung scheint für viele Menschen ein großes psychisches und körperliches Bedürfnis zu sein, wahrscheinlich weil dem Darminhalt eine unreine und schädliche Wirkung nachgesagt wird. Das erklärt, warum Abführmittel zu den am meisten verlangten Arzneimitteln gehören. Therapeuten, die sich der Alternativmedizin verschrieben haben, raten zur Darmentgiftung, zur Blutreinigung oder Schlackenentfernung. Diese Vorstellung leitet sich von dem lateinischen Wort purgare ab. Es bedeutet zum einen reinigen, säubern und zum anderen abführen, laxieren.
 

Ein Symptom, viele Ursachen: An welche muß man im Beratungsgespräch denken? 

Die einzelnen Obstipationsformen unterscheiden sich nicht in ihrer Symptomatik. Trotzdem ist der Erfolg der Therapie (Ballaststoffe oder Abführmittel) davon abhängig, welche Art von Verstopfung den Toilettengang so schwer macht. Schikken Sie deshalb einen Kunden, der häufig Laxantien verlangt, zum Arzt. Nur er kann diagnostizieren, welche Form vorliegt: 

die situative Obstipation, ausgelöst durch exogene Faktoren wie Streß, ballaststoffanne Ernährung, Bewegungsmangel; 

* die arzneimittelinduzierte Obstipation;

* die Obstipation als Begleitsymptom organischer Erkrankungen, die nerval, hormonal oder mechanisch eine Obstipation induzieren. So werden ZNS-Erkrankungen wie Morbus Parkinson in 45 bis 80 Prozent der Fälle, psychiatrische Erkrankungen wie Depressionen in etwa 30 Prozent sowie eine Schilddrüsenunterfunktion von Darmträgheit begleitet. Hämorrhoiden können mechanisch den Stuhlgang behindern.

* die habituelle Obstipation aufgrund einer verlangsamten Kolon-Passage (Slow-transit-Störung). Bei manchen Obstipierten läßt sich ein gegenüber Kontrollpersonen verzögerter Kolontransit nachweisen. Grund sind Abnormitäten des enterischen Nervensystems, dem die motorischen und sekretorischen Funktionen des Mayen­Darm-Trakts unterliegen. Diese Unregelmäßigkeit bedingt Motilitätsstörungen des Kolons und Anorektums. Hinzu kommt eine verminderte Rektumsensibilität. Normalerweise ist das Rektum weitgehend leer. Seine Dehnung (durch Stuhl) wird einerseits subjektiv empfunden und bewirkt andererseits reflektorisch die Erschlaffung des inneren Sphinkters. Obstipierte haben eine verminderte Sensibilität des Rektums. Sie benötigen also ein höheres intrarektales Volumen, um den Defäkationsreflex auslösen zu können. Bei kleinen Stuhlvolumina fällt diese Störung besonders ins Gewicht.

* Obstipation aufgrund von Funktionsstörungen des inneren (Morbus Hirschsprung) oder äußeren Sphinkters (paradoxe Kontraktion beim Pressen) oder durch Verformung der Rektumwand bei der Defäkation (innerer Rektumprolaps, Rektozele).

Engpaß Verdauung kann durch Arzneimittel ausgelöst sein

Viele Arzneistoffgruppen haben obstipierende Begleiteffekte. Daran sollte man im Offizinalltag denken und die wichtigsten »Verdauungshemmer« gedanklich parat haben, um Nebenwirkungen aufzudecken. Eine Eselsbrücke: Grundsätzlich können alle Arzneistoffgruppen, die mit der Silbe "An" beginnen, obstipierend wirken. Das sind beispielsweise Analgetika, Anticholinergika, Antidepressiva (besonders trizyklische), Antikonvulsiva, Antiepileptika, Antacida, Antiarrhythmika, Anionenaustauscher wie Colestyramin, Antihypertonika (besonders Clonidin, Verapamil), Antiparkinson-Mittel, (anticholinerge, antidopaminerge), außerdem Codein- oder Opiat-haltige Husten- und Schmerzmittel sowie Diuretika.

Lösen Medikamente Verdauungsprobleme bei geriatrischen Patienten aus, wird man in den meisten Fällen um ein Abführmittel nicht umhin kommen. Dem Betroffenen können Sie aber die Zusammenhänge erklären, so daß dieser weiß, warum er oft vergeblich Zeit auf dem stillen Örtchen verbringt. Was die Erstattungsfähigkeit angeht, läßt der Bundesausschuß Ärzte/Krankenkassen in den Arzneimittelrichtlinien den Ärzten momentan noch Handlungsspielraum. Danach sind Abführmittel nicht verordnungsfähig, "außer zum Beispiel bei Tumorleiden, Megacolon, Divertikulose, Diverticulitis, neurogenen Darmlähmungen, chronischer Niereninsuffizienz und phosphatbindender Medikation". Das Wörtchen "beispielsweise" sorgt für Verordnungsfreiräume.

Verdauung fängt beim Essen an: Ballaststoffe nutzen in vielen Fällen

Ballaststoffe haben es in sich: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt dreißig Gramm täglich. Die Hälfte davon sollte aus Getreideprodukten stammen, weil deren Ballaststoffkonzentration höher und stuhlwirksamer ist als die von Obst und Gemüse. Die Ernährungsgewohnheiten sehen allerdings anders aus: Pro Kopf und Tag werden nur etwa zwanzig Gramm Ballaststoffe konsumiert; in der Regel nehmen Frauen noch weniger zu sich. Dieses Defizit wäre beispielsweise mit 200 Gramm Vollkornbrot plus 200 Gramm Kartoffeln, 250 Gramm Gemüse oder 250 Gramm Obst täglich auszugleichen. Klagt der Patient nur über leichte Beschwerden, ist zunächst eine erhöhte Ballaststoffzufuhr über die Nahrung zu empfehlen.

Aber: Eine Analyse der Ernährungsgewohnheiten ergab, daß Obstipierte nicht grundsätzlich weniger Ballaststoffe zu sich nehmen und auch nicht weniger trinken oder sich bewegen als Menschen ohne Verdauungsbeschwerden. Deshalb profitiert nur ein Teil von einer Ernährungsumstellung. Andere können sich mit einer Ballaststoff-haltigeren Kost gar nicht anfreunden, weil sie sie schlecht vertragen: Leibschmerzen und Meteorismus nehmen zu, Stuhlvolumen- und -frequenz dagegen nicht. Von den Patienten mit langsamem Kolontransit profitiert rund ein Viertel, von Patienten mit Defäkationsstörungen zwei Drittel, so der Erfahrungsschatz der gastroenterologisch tätigen Experten. Ballaststoffe also als Allheilmittel bei Verstopfung zu bezeichnen, ist falsch.

Die Wirkung der Ballaststoffe ist physikalisch bedingt. Durch ihr hohes Wasserbindungsvermögen vergrößern sie das Volumen des Darminhalts. Über Dehnungsreize auf die Darmwand werden peristaltische Bewegungen und der Entleerungsreflex ausgelöst. Die Darmpassagezeit verkürzt sich, der Stuhlgang kommt auf Trab. Wer es nicht schafft, genügend Ballaststoffe mit der Nahrung aufzunehmen, der kann dies auch in Form von Fertigpräparaten tun. Tip: Diese haben den Vorteil, daß sie auf eine Mindestquellungszahl normiert sind und außerdem weniger Kalorien enthalten als eine vergleichbare Menge an Obst, Gemüse oder Getreideprodukten. Bei übergewichtigen Obstipierten deshalb zu Ballaststoffen in Tabletten- oder Granulatform raten.

Der zweite günstige Effekt der Ballaststoffe beruht auf der Fermentation, die sie in Gang setzen. Die etwa fünfhundert verschiedenen Mikroorganismen bauen im Dickdarm Ballaststoffe ab und verwerten diese für den Aufbau neuer Biomasse. Als Stickstoffquelle nutzen sie abgestoßene Darmwandzellen und nicht rückresorbierte Verdauungsenzyme. Bei ballaststoffhaltiger Nahrung wird deshalb verstärkt Stickstoff mit den Fäzes ausgeschieden, was bei Leberzirrhose und chronischer Niereninsuffizienz erwünscht ist. So entstehen Gase (Flatulenz) und kurzkettige Fettsäuren (Essigsäure, Propionsäure und Buttersäure), die fast vollständig resorbiert werden. Die bakteriell abgebauten Ballaststoffe dienen der Intestinalflora als Energiequelle.

Joghurt mit probiotischen Kulturen regt die Fermentationsprozesse ebenfalls an und wirkt deshalb stuhlgangfördernd. Leichten Verstopfungen kommt man damit gut bei. Und auch Trockenobst wie getrocknete Feigen leistet gute Dienste, wenn die Weihnachtsschlemmereien den Stuhlgang erschweren.

Kurzprofile: Wie wirken die einzelnen Laxantiengruppen?

Leinsamen, Flohsamen, indischer Flohsamen oder Weizenkleie führen mild ab. Sie werden nicht verdaut oder resorbiert, sondern plustern sich unter Wasseraufnahme zu einem voluminösen Gel auf, das die Darmwand massiert. Nach zwölf Stunden oder länger wird die Defäkation ausgelöst. Unangenehmen Nebenwirkungen wie Völlegefühl, Bauchdrücken und Flatulenz stehen Vorteile gegenüber: Es kommt nicht zur Gewöhnung, und auch Schwangere können ihrem Darm ohne Bedenken mit Quellmitteln helfen.

Tipps zu Quellstoffen

Raten Sie in der Offizin zu indischem Flohsamen; er ist der fettärmste Vertreter dieser Laxantiengruppe. Er enthält nur 10 Prozent Fett, im Gegensatz beispielsweise zu 40 Prozent Fett im Leinsamen. Bei Leinsamen wirkt zwei- bis dreimal täglich ein Eßlöffel abführend, was einer Tagesdosis von zwanzig bis dreißig Gramm entspricht. Vom Flohsamen ist ein- bis dreimal täglich ein Eßlöffel und von indischem Flohsamen ein- bis viermal täglich ein Eßlöffel einzunehmen. Die wirksame Tagesdosis von Weizenkleie liegt bei 13 bis 40 Gramm, was drei bis neun leicht gehäuften Eßlöffeln entspricht. Wichtig: Zu jeder Einnahme gut einen viertel Liter trinken, sonst dicken die Ballaststoffe nur oberflächlich an und können den Darm verschließen.

Seit rund einem Jahr ist in Deutschland auch ein synthetisches Quellmittel mit der Indikation Obstipation auf dem Markt. Polycarbophil-Calcium ist das erste Quellmittel, das als Tablette eingenommen werden kann. Der unhandliche Umstand, das Mittel erst auflösen oder ein Granulat unzerkaut mit Wasser einnehmen zu müssen, entfällt. Nach der Einnahme löst sich die Tablette im Magen; im sauren Milieu werden die Calciumionen im Arzneistoffmolekül durch Wasserstoffionen ersetzt. Beim Übergang in den Darm werden die Protonen mit steigendem pH-Wert gegen einwertige Ionen ausgetauscht. Diese Salzform ist extrem quellfähig. Polycarbophil-Calcium kann die 60- bis 100fache Menge seines Eigengewichts an Flüssigkeit halten.

Seine Wirkung ist Studien zufolge vergleichbar mit der von indischem Flohsamen. Blähungen und Völlegefühl traten hingegen seltener auf. Mögliche Erklärung: Polycarbophil-Calcium wird nicht fermentiert, sondern unverändert ausgeschieden. Außerdem quillt das synthetische Polymer in erster Linie in der leicht alkalischen Umgebung des Darms, während Flohsamen das im Magen tut. Weil Polycarbophil-Calcium nicht resorbiert
wird, eignet es sich auch für Schwangere und Stillende.

Osmotisch wirkende Laxantien

Die osmotisch wirkenden Substanzen unterteilt man in salinische Präparate, Zucker und Zuckeralkohole sowie Polyethylenglykole (Macrogole). Magnesiumsulfat (Bittersalz) und Natriumsulfat (Glaubersalz) sind die bekanntesten Salinika. Diese Stoffe erhöhen die Osmolarität im Inhalt des Darmlumens. Dementsprechend wird vermehrt Wasser in das Lumen abgegeben. Voraussetzung: Die Substanzen dürfen so gut wie nicht resorbiert werden. Bei Bitter- und Glaubersalz übernimmt diese Aufgabe das Sulfatanion. Es bindet dann Kationen und Wasser. Der Beginn der Wirkung hängt ab von der Dosis und der mitgeführten Wassermenge. In der Regel ist nach zehn bis zwölf Stunden mit Stuhlgang zu rechnen. Salinische Abführmittel gehören heute nicht zu den Abführmitteln der Wahl. Sie wirken ziemlich massiv und führen auf die Dauer zu Elektrolytinbalancen. Sie eignen sich eher zur Darmentleerung vor Untersuchungen des Gastrointestinaltrakts oder vor operativen Eingriffen.

Unter den Zuckern und Zuckeralkoholen haben die Disaccharide Lactulose und Lactitol die größte Bedeutung erlangt. Ihr abführender Effekt beruht darauf, daß sie nicht im Dünndarm resorbiert, sondern im Dickdarm abgebaut werden. Wie ist das zu verstehen?

Die einzelnen Epithelzellen im Darm sind durch tight-junctions (Kittleisten) miteinander verbunden. Die parazelluläre Permeation von Wasser, Natrium und Chlorid, aber auch von Glucose wird dadurch im Dünndarm kaum behindert. Osmolaritätsunterschiede werden sehr schnell ausgeglichen. Anders im Dickdarm: Dort sitzen die tight-junctions sehr dicht, und der Osmolaritätsunterschied wächst an. Durch die bakterielle Spaltung von Lactulose oder Lactitol in viele kleine osmotisch wirksame Moleküle von kurzkettigen Fettsäuren und Milchsäure wird dieser Gradient überschritten. Durch diese physiologischen Zusammenhänge wird auch klar, warum Lactose als Laxans kaum eine Bedeutung hat. Lactose wird bereits im Dünndarm durch b-Glucosidasen gespalten, wobei Glucose rasch resorbiert wird.

Lactulose oder Lactitol führen oft zu Bauchschmerzen, Meteorismus und Flatulenz, weil beim bakteriellen Abbau der Kohlenhydrate verstärkt Kohlendioxid anfällt. Trotzdem gehören sie zu den bevorzugten Abführmitteln, die Sie im Beratungsgespräch empfehlen sollten, da sie schonend und gleichzeitig unbedenklich wirken. Vielleicht können Sie Ihren obstipierten Kunden überreden, beispielsweise sein Anthranoid-haltiges Abführmittel nach und nach auf Lactulose umzustellen. Die Unbedenklichkeit von Lactulose zeigt sich darin, daß sie in Japan als Lebensmittelzusatzstoff deklariert ist und Babynahrung, Milchprodukten und Erfrischungsgetränken zugesetzt wird.

Seit rund zwei Jahren für die Indikation Obstipation auf dem Markt, hat sich Macrogol, ein Polyethylenglykol mit dem mittleren Molekulargewicht von 3350, bewährt. Macrogol bindet über Wasserstoffbrücken eine definierte Menge Wasser. So wird die oral aufgenommene Menge Flüssigkeit gezielt ins Kolon transportiert und erweicht dort dosisabhängig den Stuhl. Macrogol entzieht im Gegensatz zu den klassischen osmotisch wirkenden Laxantien keine Flüssigkeit aus dem Gewebe. Eventuellen Elektrolytverschiebungen hat das Herstellerunternehmen vorgebeugt: Dem Präparat sind Elektrolyte zugesetzt. So werden Natrium- und Kaliumverluste von vornherein vermieden. Ein Circulus vitiosus durch ein stimuliertes Renin-Angiotensin-Aldosteron-System kommt erst gar nicht in Gang.

Vorteile von Macrogol: Aufgrund des hohen Molekulargewichts kann es nicht resorbiert werden, sondern wird unverändert ausgeschieden. Toleranzentwicklung oder Wirkungsverluste sind bisher nicht bekannt. Abdominelle Störungen scheinen im Vergleich zu Ballaststoffen oder Lactulose nur selten aufzutreten und sind relativ erträglich. Das ist bemerkenswert für eine Substanz, die selbst in hartnäckigen Fällen wirkt. Seit wenigen Wochen ist Macrogol für die Indikation Koprostase, also Kotstau, zugelassen.

Besonders bei Patienten, deren Obstipation arzneimittelbedingt ist, setzen sich steinharte Kotballen in den Darmfalten ab. Selbst Abführmittel sind dagegen bisweilen machtlos, bis eben auf Macrogol. Werden Kotsteine nicht aufgelöst, verursachen sie die paradoxe Diarrhoe. Das hört sich in der Tat paradox an. Des Rätsels Lösung: Der Darm versucht, die harten Kotballen durch vermehrte Flüssigkeitssekretion in das Darmlumen aufzuweichen. Gelingt dies nicht, so geht ein Teil des neuen Kotes als Diarrhoe ab.

Antiabsorbtiv und hydragog wirkende Laxantien

Zu dieser Gruppe der Stimulantien gehören Rizinusöl, die Anthranoide und die Diphenole, wovon die letzten die größere Bedeutung haben. Sie hemmen die Natriumionen- und Wasserresorption aus dem Darmlumen, indem sie die Natrium-Kalium-abhängige ATPase blockieren (antiresorptive Wirkung). Zugleich fördern sie in unterschiedlichem Ausmaß den Einstrom von Elektrolyten und Wasser in das Darmlumen (hydragoge Wirkung), indem sie die Durchlässigkeit der tight-junctions erhöhen.

Diese Laxantien wirken ziemlich gründlich. Im Beratungsgespräch darf deshalb der Hinweis nicht fehlen, daß der Darm nach erfolgter Entleerung mindestens zwei Tage "Wartezeit" bis zum nächsten Toilettengang braucht, um sich wieder zu füllen. Bei Dauergebrauch kommt es über einen sekundären Hyperaldosteronismus zu verstärkten Kaliumverlusten. Kalium läßt die Muskeln und damit die Darmperistaltik weiter erschlaffen. Der Circulus vitiosus ist in vollem Gange. Studien haben denn auch bei Laxantienanwendern dieser Gruppe signifikant niedrigere Kaliumwerte ergeben als bei der Placebogruppe.

Die am meisten gebrauchten Stimulantien enthalten Anthraglykoside aus Aloe, Faulbaumrinde, Sennesblätter und -früchte, Rharbarberwurzel, Cascararinde oder Kreuzdornbeeren. Wirksam sind sie allerdings erst nach der Spaltung der Glykosidbindung im Darm und nach der Reduktion zu Anthronen beziehungsweise Anthranolen durch Colibakterien. Da manche Studien einen positiven Zusammenhang mit einem erhöhten Kolonkarzinomrisiko aufzuweisen schienen, sind Anthranoide nur für den kurzfristigen Gebrauch bestimmt.

Bisacodyl wird in der Dünndarmmukosa bei der Resorption desacetyliert. Nach der Glucuronidierung in der Leber wird es via Galle wieder in den Dünndarm ausgestoßen. Das nicht resorbierbare Glucuronid gelangt ins Kolon, wird dort bakteriell dekonjugiert und als diphenolisches Laxans wirksam. Dieser enterohepatische Kreislauf braucht seine Zeit. Die Wirkung tritt bei peroraler Gabe erst nach zehn bis zwölf Stunden ein. Appliziert man ein Zäpfchen, läßt die Wirkung nur etwa eine Stunde auf sich warten. Auch Bisacodyl soll nur kurzfristig angewendet werden. Nach längerem Gebrauch entstehen in der Darmmukosa »sektkelchähnliche« Dilatationen in den Krypten. Diese zellulären Veränderungen sind spezifisch für diese Substanz, aber ihre pathophysiolgische Konsequenz ist nicht bekannt.

Natriumpicosulfat, ein Analogon zu Bisacodyl, kann aufgrund seiner sulfatierten Seitenketten im Dünndarm nicht resorbiert werden. Durch bakterielle Abspaltung des Sulfats im Kolon wird das freie Bisacodyl ohne den Umweg des enterohepatischen Kreislaufs im Kolon direkt wirksam. Das erklärt den schnelleren Wirkungseintritt von etwa fünf bis acht Stunden. Neuere Untersuchungen haben ergeben, so teilt das Herstellerunternehmen auf Anfrage mit, daß der wirksame Metabolit des Natriumpicosulfats — das Diphenylderivat — analog der physiologischen Peristaltik die longitudinale glatte Darmmuskulatur inhibiert, aber die zirkuläre glatte Darmmuskulatur stimuliert.

Natriumpicosulfat könne über längere Zeit bedarfsorientiert, das heißt alle zwei bis drei Tage, eingenommen werden. Allerdings besteht ein Risiko erhöhter Wasser- und Mineralverluste bei längerdauernder und hochdosierter Anwendung. Wie Bisacodyl führt Natriumpicosulfat leicht zu flüssigen Stühlen. Deshalb: Es gilt, die richtige Dosis herauszufinden, indem man die empfohlene Tropfenzahl nach oben oder unten korrigiert.

Auf Anthranoid-haltige Laxantien lieber verzichten?

Mutagenitätsstudien ließen den Verdacht aufkommen, daß einzelne Inhaltsstoffe oder Metaboliten der Anthranoide ein genotoxisches beziehungsweise kanzerogenes Potential haben. Als potentiellen Stoff hat man unter anderem Aloe-Emodin ausgemacht, während Sennoside und Rhein kein genotoxisches Potential aufweisen. Aloe-Emodin wird nach seiner Resorption rasch zu nicht mutagen wirksamem Rhein umgesetzt. Selbst bei hohen Dosen treten keine kritischen Konzentrationen in Blut oder Organen auf. Auch in Langzeitkanzerogenitätsstudien an Nagern zeigte sich kein kanzerogener Effekt bei Mäusen und Ratten.

Was die Situation am Menschen betrifft, hat man mehrere klinische Studien durchgeführt, um die Frage einer möglichen Dickdarmkarzinomentstehung durch Anthranoidlaxantien zu beantworten. Bei vielen Studien wurde die endoskopisch diagnostizierte Pseudomelanosis coli (PMC) als Indikator für eine Langzeiteinnahme von Anthranoiden definiert. Die PMC tritt etwa vier Monate nach Einnahme auf und verschwindet nach dem Absetzen der Präparate innerhalb von vier bis elf Monaten wieder. Bei der PMC handelt es sich um Pigmentablagerungen in Makrophagen der Dickdarmschleimhaut, die bis in die Submukosa und die regionären Lymphknoten reichen.

So ergab eine retrospektive Studie an der Universitätsklinik Erlangen mit 2277 Patienten keine Erhöhung der Kolonkarzinomzahl im Vergleich zu einem Kollektiv ohne Laxantieneinnahme. Zum gleichen Ergebnis kommt eine ebenfalls retrospektive Studie, die am Städtischen Krankenhaus in München-Neuperlach an 697 Patienten durchgeführt wurde. Auch hier fand sich, unter Berücksichtigung von Alter und Geschlecht, kein Zusammenhang zwischen Laxantieneinnahme und Kolonkrebs. Eine prospektive Studie von Loew vergleicht 423 Betroffene mit Kolon-/Rektumkarzinom mit 522 an anderen Dickdarmerkrankungen leidende Patienten. Es ergab sich kein Unterschied zwischen der PMC-Rate bei Kolonkarzinom-Erkrankten und den Kontrollen. Obgleich bei den Personen mit häufigem Abführmittelgebrauch vermehrt eine PMC diagnostiziert wurde, unterschieden sich alle Probanden nicht hinsichtlich der Karzinomzahlen.

Es stellt sich die Frage, ob die PMC das geeignete Kriterium ist. Von vielen Wissenschaftlern wird sie heute als Epiphänomen gehandelt. Sie ist ein Hinweis auf die Einnahme von anthranoidhaltigen Substanzen, aber nicht geeignet für die Klärung des Zusammenhangs zwischen Anthranoiden und Kolonkarzinomen. Aussagekräftiger wäre die direkte Erfassung der Exposition in epidemiologischen Untersuchungen durch einen standardisierten Fragebogen und die Bildung eines Scores, der das Altersfenster, die Expositionsdauer und die Einnahmefrequenz berücksichtigt. Quintessenz: Bisher konnte zwischen einer Anthranoidlaxantien-Exposition und dem Auftreten von kolorektalen Karzinomen kein Zusammenhang gefunden werden. Als signifikante Risikofaktoren erwiesen sich lediglich Lebensalter und Geschlecht. Der Rat vom Apotheker muß deshalb heißen: Ohne ärztlichen Rat dürfen Anthranoidlaxantien nicht länger als ein bis zwei Wochen angewandt werden. Die abgegebenen Mengen sollten den Bedarf für diesen Zeitraum nicht überschreiten.

Computerprogramm DAVIT: Was ist daraus geworden?

Kommt Ihnen der Name DAVIT bekannt vor? Das Deutsche Grüne Kreuz (DGK) hatte das Darm­Vitalisierungsprogramm DAVIT entwickelt und versucht seit 1995 mit Hilfe der Apotheker Betroffene von Abführmitteln zu entwöhnen. Anhand eines individuellen DAVIT-Umstellungsplanes sollen in drei Monaten Abführmittel ausgeschlichen werden. Wenn nötig kann vorübergehend Lactulose eingesetzt werden. Ziel ist es, mit einer ausreichenden Menge an Ballaststoffen und Flüssigkeit sowie Bewegungsübungen die Verdauung wieder in Gang zu bringen. "Als wir 1995/96 DAVIT intensiv beworben haben, war die Resonanz der Apotheken gut. Etwa 2000 haben mitgemacht", sagte Dr. Karin Uphoff vom DGK im Gespräch mit der PZ. Seit das DGK das Computerprogramm nicht mehr aktiv bewerbe, scheine das Interesse eingeschlafen zu sein, wertete Uphoff. Redaktionelle Zeitungsartikel, die jetzt noch in der Laienpresse erscheinen, veranlassen dagegen Betroffene, sich direkt an das DGK zu wenden. "Wir glauben, daß es den Betroffenen sehr willkommen ist, das Problem nicht von Angesicht zu Angesicht besprechen zu müssen."

Rund 1000 Patienten haben bisher das Darm-Vitalisierungsprogramm direkt über das DKG genutzt. "Davon 80 Prozent mit Erfolg", schätzt Uphoff, das heißt, sie waren frei von harten Abführmitteln und höchstens auf die Einnahme von Lactulose angewiesen.« Diese überraschend gute Erfolgsbilanz führte Uphoff darauf zurück, daß die teilnehmenden Patienten hochmotiviert sind. Sie seien von vorneherein bereit, Geld für begleitende Infobroschüren, ein Patientenbuch, die Auswertung oder Porto auszugeben.

Ist der schlechte Ruf von Abführmitteln begründet?

Bei bestimmungsgemäßem Gebrauch sicherlich nicht. Nebenwirkungen sind bei chronischer Überdosierung zu erwarten, nicht bei vernünftigem Gebrauch. Die Hypothese, daß die Langzeiteinnahme das autonome Nervensystem des Dickdarms schädigt und dadurch die Obstipation unterhält, halten viele Wissenschaftler für falsch. Schließlich ist die Neuropathie des Kolons die Ursache für das Malheur und nicht dessen Folge. Und wie lautet die Antwort vom Experten, von Professor Wanitschke?

Wanitschke: Nimmt man obsolete Abführmittel wie Kalomel, Seifeneinläufe oder Paraffinöl aus, so ist der schlechte Ruf der Laxantien nicht begründet. Auszuklammern sind auch der Mißbrauch von Abführmitteln zur Gewichtsreduktion oder bei psychosomatischen beziehungsweise psychiatrischen Erkrankungen. Es ist keine Frage, daß Patienten, die unter ihrer
Obstipation leiden, ohne Risiko ihre Lebensqualität erheblich bessern, wenn sie Abführmittel — durchaus auch regelmäßig — gebrauchen. Dabei ist zu bemerken, daß moderne Abführmittel in ihrem laxierenden Prinzip auch der Wirkung von Ballaststoffen entsprechen können.

Eine chronische Obstipation mit Beschwerden ist ärztlicherseits eine klare Indikation für Laxantien, weil damit die Lebensqualität verbessert wird. Das ist unabhängig von der Frage nach dem Krebsrisiko. Ob die chronische Obstipation oder der dauernde Gebrauch von Laxantien ein höheres Krebsrisiko beinhalten, ist nicht geklärt. In Würdigung aller vorliegenden Studien kann spekuliert werden, daß der gezielte Gebrauch von Laxantien durchaus in gewisser Weise vorteilhaft erscheint.

Literatur

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PZ-Artikel
von Elke Wolf, Rödermark

©1997 GOVI-Verlag E-Mail: redaktionAgovi.de